Abo | 16.08.2017

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Die Buchhandlung in Regensburg! Ulrich Dombrowsky im Gespräch

Das Interview führte: Thomas
Buchhandlung Regensburg Ulrich Dombrowsky

Wer sind Sie und was machen Sie?
Ich heiße Ulrich Dombrowsky. Ich bin Buchhändler und habe eine eigene Buchhandlung am Regensburger Kassiansplatz. Diese Buchhandlung gibt es seit über 33 Jahren. Zudem bin ich auch lokal engagiert; zum einen im sogenannten Kreativforum, das seinen Arbeits- und Wirkungsmittelpunkt im neuen „Degginger“ in der Wahlenstraße hat. Ich bin dort in der "Buchmarkt-Branche" engagiert (es gibt 12 Foren im Kreativforum), deren Sprecher ich zwei Jahre lang war. Die Vernetzung der Regensburger Autoren, Illustratoren, Verleger, Lektoren, Übersetzer untereinander liegt mir am Herzen. Im vergangenen Jahr haben wir drei Projekte an den Start gebracht: „Regensburg liest ein Buch“, „Regensbuch“, die erste regionale Buchmesse und den „Welttag des Buches“ – alles keine Eintagsfliegen, sondern dauerhafte Einrichtungen. Zum anderen gibt es meine Aktivität bei "Faszination Altstadt", in welchem sich die "Altstadtkaufleute" zusammengeschlossen haben. Unser Ziel ist es, dass die Attraktivität der Altstadt erhalten bleibt, die vielen kleinen Geschäfte, aber vor allem auch die Infrastruktur. Mein Schwerpunkt liegt aber natürlich auf der eigenen Buchhandlung. Hier finden unsere Kunden eine handverlesene Auswahl: Wir bilden keine "offiziellen" Beststellerlisten ab, sondern machen unsere Bestseller selbst. Unser Augenmerk liegt dabei nicht auf dem Mainstream, so dass wir eine sehr individuelle Produktpalette anbieten, welche einerseits etwas mit uns zu selbst als begeisterten Lesern zu tun hat, mit uns als Team in der Buchhandlung, andererseits mit unseren Kunden von 2 bis 90 Jahren, die ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse haben. Unsere Aufgabe ist es dann, diese Wünsche kennenzulernen, damit wir ihnen die passenden Bücher empfehlen können.

Das bedeutet Sie "müssen" auch viel Lesen? Hört sich nach einem Traumberuf an!
(lacht) Ohne die Bücher selber zu lesen, geht es tatsächlich nicht. Wenn ich mir über ein Buch ein Urteil bilden will, muss ich es von vorne bis hinten gelesen haben – das ist mein Anspruch an mich. Das Entscheidende ist die eigene Begeisterung für das Medium Buch und für den Spezialfall Autor XY oder Buch Z.

Wieviele Stunden lesen Sie am Tag?
An einem normalen Tag gar nicht. Nach 10 Stunden Arbeit geht es dann nur noch um aktuelle Informationen des Tages, die ich über die Tageszeitung oder die TV-Nachrichten aufnehme. Wir müssen als Buchhändler allgemein gut informiert sein. Aber die Wochenenden und meinen Urlaub nutze ich fast komplett nur zum Lesen.

Sind Sie auch Autor?
Nein, das würde ich mir auch nie anmaßen. Mit jedem gelesenen Buch wächst mein Respekt vor den Autoren. Wenn Sie als Verkäufer jeden Tag auf der „Bühne“ stehen - und so sehe ich mich in meinem Laden - müssen Sie gut formulieren und spannend erzählen können. Ich bin aber auch in einer Familie groß geworden, in welcher das Buch immer eine große Rolle gespielt hat. Meine Mutter und meine Schwester waren Buchhändlerinnen, mein Vater hatte eine große Bibliothek. Lustigerweise haben sich meine Eltern in einer Buchhandlung kennengelernt. Ich selbst hatte gar keine Absicht, diesen Beruf zu erlernen; zudem hätte mich mein Vater gerne als Ingenieur gesehen. Bei einem Aushilfsjob in einer Buchhandlung wurde ich vom Chef aber gefragt, ob ich nicht eine Ausbildung zum Buchhändler machen wolle, und dieses Angebot habe ich gerne angenommen.

Sie haben einen "Kulturauftrag"? Wie ist das zu verstehen?
Kulturauftrag: In keiner anderen Branche liegen Produkt und Produzent so nahe beieinander. Beides - Buch und Autor – sind für die Leser interessant. Für mich ist es eine charmante Verbindung, zum einen die Inhalte zu vermitteln aber auch die Wünsche der Leserinnen und Leser befriedigen zu können. Deshalb ist es naheliegend so einen Ort der Kommunikation zu nutzen, um Autorinnen und Autoren einzuladen, die hier, in ihrem „erweiterten Wohnzimmer“ direkt in Kontakt mit ihren Lesern treten können. Nirgends gibt es so eine ausgeprägte Tradition für Lesungen, wie in Deutschland. Wir können in unserem gemütlichen Raum bis zu 99 Leute im Publikum unterbringen und können eine kleine Bühne für Lesungen oder auch Darbietungen musikalischer Natur anbieten.

Es gibt auch Veranstaltungen bei Ihnen?
Seit 28 Jahren gibt es zwei Mal im Jahr Lesungssaisons, den "Literarischen Frühling" bzw. den"Literarischen Herbst" mit jeweils 10 bis 20 Veranstaltungen. Seit 1989 haben wir demnach 500-600 Veranstaltungen organisiert. Die Veranstaltungen finden überwiegend in der Buchhandlung statt, die größeren darunter finden auch in anderen städtischen Sälen statt, für einen Mann wie Bruno Jonas oder Rafik Schami brauchen Sie schnell eine Kapazität bis 600 Besucher. Es waren schon viele bekannte Autoren, Politiker, Kabarettisten bei uns, aber wir achten auf eine gute Mischung, denn wir wollen ja auch etwas Neues anbieten, unbekannte Autoren bekannt machen und darauf hinweisen, was Literatur alles sein kann. Seitdem wir am Kassiansplatz, also im Herzen der Altstadt sind - früher waren wir in der Wollwirkergasse - machen wir auch viele Konzerte, von Jazz über Tango bis zu Singer/Songwriter ist alles dabei. Inzwischen ist hier eine kleine Musikbühne entstanden, ein Geheimtipp für viele.

Wie schafft man es heutzutage im Buchhandel erfolgreich zu sein?
Erfolg beduetet für mich schon, überhaupt eine Buchhandlung betreiben zu können. Damit verdient man sich keine goldene Nase. Mein Ziel war es immer, die Buchhandlung mit einem hervorragenden Team betreiben zu können – das ist gewährleistet. Nur mit absoluter Hingabe kann man so etwas überhaupt machen. Es geht nämlich auch darum, den Boden zu bereiten für unsere Themen, sich selber und die eigene Buchhandlung unverzichtbar zu machen für die Kunden.
Den Leuten Anlässe zu geben zu kommen, weil sie sich davon versprechen, etwas Neues zu entdecken. Und dafür ist das eigene Interesse, die eigene Neugierde eigentlich das Wichtigste. Offen zu sein für das, was geschieht im eigenen Umfeld, einen eigenen Standpunkt zu entwickeln. Und sich einzumischen. Ein Schaufenster z.B. kann ein interessanter Blickfang sein. Aber es kann auch ein Statement sein.

Wie lange gibt es die Buchhandlung?
Seit 33 Jahren. 26 davon in der Wollwirkergasse. Die Buchhandlung habe ich 1983 gegründet. Nach meiner zweijährigen Ausbildung habe ich ein "Sabbatjahr" eingelegt und währenddessen die eigene Selbständigkeit vorbereitet.

Wann wußten Sie daß sie eine eigene Buchhandlung haben werden?
Der Traum eines jeden Buchhändlers ist es, eine eigene Buchhandlung zu haben! Das ist schon eine Art Treppenwitz. Buchhändler halten sich für extrem individuelle Menschen, und damit verbindet sich ein extremer Wunsch zur Selbstverwirklichung. Diese Träume haben erst einmal nichts mit Wirtschaftlichkeit und Zahlen zu tun. Für den Beginn hatte ich sehr wenig Geld, nur dreißigtausend Mark, und alles was reinkam, habe ich sofort wieder reinvestiert. Aber eigentlich ist man mit 25 Jahren und einer zweijährigen abgeschlossenen Ausbildung noch nicht in der Lage, eine rentable Buchhandlung zu betreiben. Da muss dann der Glaube an einen selbst die Idee tragen. Ein großes Selbstbewusstsein ist unerlässlich, um den potentiellen Kunden die eigene Ernsthaftigkeit des Vorhabens zu vermitteln. Aber es ging auch darum, sich interessant zu machen, passend zu den 80er Jahren, "wir gehören zusammen", "grün", es gab damals in Regensburg eine relativ starke politische Bewegung gegen den geplanten Bau der WAA in Wackersdorf. Die GRÜNEN starteten gerade als Partei. Die Buchhandlung war damals eigentlich zu groß für meinen Bedarf, deshalb hatten die GRÜNEN ein Büro im Laden. Außerdem entstanden dort zwei Stadtzeitungen. Damit startete die Buchhandlung als ein Ort der Kommunikation. Dabei lernte ich viele Leute kennen. Die Organisationen fühlten sich sehr wohl in diesem Laden. 1989 war dann der berühmte Bruch in der Geschichte - ein Wendepunkt, der durch den Fall des Eisernen Vorhangs ausgelöst wurde. Eine "alternative" Buchhandlung war somit am Ende - wenn sie sich nicht umorientiert hat.

Was geschah dann ab 1989?
Die Umorientierung bestand im Grunde darin, die bis dahin gefragten Themen wegzulassen, und sich auf die Themen zu konzentrieren, die mir wichtig waren, nämlich Belletristik (also Romane aus aller Welt) und das Kinder- und Jugendbuch. Und in Verbindung mit dieser Konzentration fing ich damit an, Veranstaltungen zu organisieren. Damit gelang es dann auch, trotz des schwierigen Standorts außerhalb der Altstadt, einen Fuß in die Tür der Mittelbayerischen Zeitung und der "Woche" die es damals noch gab, zu bekommen, die dann regelmäßig über unsere Veranstaltungen berichteten. Und das hat Interesse bei den buchaffinen Menschen in Regensburg ausgelöst. Da macht ein "Kleiner" von sich reden, trotz der großen Konkurrenz. Und das tun wir bis heute: uns aufspielen (lacht).

Was ist Belletristik?
Also ich habe mal gehört, dass der Begriff von der "schönen Traurigkeit" herkommt. Es geht um Romane, es geht um eine große Bandbreite: zwischen höchstem Glück und schlimmster Katastrophe wird alles abgehandelt. Das wissen wir spätestens seit Shakespeare, dass uns das im tiefsten Inneren berührt. Ich kann und will nicht jeden Menschen persönlich kennenlernen, aber über gute Literatur können wir etwas über Menschen und damit über uns selbst erfahren... - denn das kann man, wenn man will. Das ist etwas Unbezahlbares.

Regensburg "lebt" auch durch diese "positive Energie der Bücher" - wie kann man das den Menschen näher bringen?
Es geht nicht um eine Marktabdeckung oder ähnliches. Mit dem Medium Buch konnte man noch nie alle Menschen erreichen, sondern nur einen Bruchteil. Aber das tun wir: Die man erreichen kann, die ein potentielles Interesse haben könnten, die versuchen wir zu erreichen. Natürlich haben wir nicht nur die Konkurrenz vor Ort, den sogenannten stationären Handel, sondern auch die Online-Konkurrenz. Das heißt aber auch, einen eigenen Online-Shop haben zu müssen, also den Kunden ein Alternativangebot zu unterbreiten. Aber auch etwas anzubieten, was ihnen der "Große Bruder" nicht anbieten kann. Es gibt immer mehr Menschen, die merken, dass sie durch ihr Verhalten Einfluss nehmen können. Die wissen, dass sie den Handel vor Ort stärken können. Zum Glück bekommt man Bücher überall zum gleichen Preis in der gleichen Qualität – wir unterliegen also wegen der Preisbindung im Buchhandel nicht dem gnadenlosen Konkurrenzkampf wie in anderen Branchen. Und wir haben Gott sei Dank sehr angenehme Kunden. Darum geht's mir, dass wir uns untereinander und unseren Kunden gegenüber offen und freundschaftlich verhalten. Dass jeder Mensch individuell wahrgenommen wird - das ist mir wichtig!

Was würden Sie machen wenn Sie nicht mehr arbeiten müssten?
Ich wäre mehr auf Reisen. Ich wäre mehr mit dem Fahrrad und mit dem Campingbus unterwegs. Hätte nicht nur Bücher dabei, sondern auch einen E-Reader. Und ich würde mich überwiegend erholen und entspannen. Und ich würde nach meinen Reisen immer wieder gerne nach Regensburg zurückkommen und mich am Regensburger leben aktiv und passiv beteiligen. Als Einmischer aber auch als Zuhörer und Zuschauer.

Schlußfrage: Was haben Sie heute noch vor?
Ich mache mich über den Berg an Post und Nachrichten her, der liegengeblieben ist, weil ich mir mit meiner Frau eine viertägige Auszeit im Bayerischen Wald gegönnt habe.


Vielen Dank für das Interview Herr Dombrowsky und weiterhin viel Erfolg!

Und hier folgt die Website:
www.dombrolit.de



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